Du arbeitest hauptberuflich als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Siehst du Ähnlichkeiten zwischen Pflegearbeit und Landwirtschaft?
Es klingt vielleicht im ersten Moment komisch, aber gerade in der Pflege und in der Landwirtschaft lernt man, Verantwortung zu übernehmen. Man ist ganz nah am Leben. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin muss man in Notfällen innerhalb weniger Sekunden reagieren. Auch in der Landwirtschaft können schnell brenzlige Situationen entstehen, wenn man nicht aufpasst.
© BMLUK/Paul Gruber
Was gibt dir die Landwirtschaft, dass dir kein anderer Beruf geben könnte?
Wenn ich nach der Arbeit auf den Betrieb komme und den Sonnenuntergang sehe, gibt mir das ein sehr geerdetes Gefühl. Ich darf diese Arbeit mit meiner Familie machen. Wir sind alle berufstätig, aber wenn es um den Betrieb geht, kommen wir zusammen, halten zusammen und haben gemeinsam etwas geschafft.
Warum habt ihr euch für das Braune Bergschaf entschieden?
Das Braune Bergschaf war damals, als wir begonnen haben, hochgefährdet. Mittlerweile hat sich der Bestand etwas verbessert, aber die Rasse gilt weiterhin als gefährdet. Die Motivation ist, zum Erhalt und zur Vergrößerung des Bestands beizutragen.
Viele Menschen sehen Wiesen und Almen vor allem als Erholungsraum. Was sollten sie über die Arbeit wissen, die dahintersteckt?
Viele Menschen unterschätzen, in welchem Gebiet wir uns befinden. In Tirol gibt es Almen auf 1.000 Metern, aber auch auf 2.000 Metern Seehöhe. Wichtig ist, sich zu informieren und zu realisieren, was Bäuerinnen und Bauern, Hirtinnen, Hirten und viele andere für den Erhalt der Almen leisten. Man kann ein riesiges, unwegsames und schwer begehbares Gelände nicht vollständig einzäunen. Natürlich wird viel abgesichert, aber man kann die Natur nicht in Ketten legen.
Was hat eure Form der Grünlandbewirtschaftung mit Artenvielfalt zu tun?
Wir bewirtschaften den Hang so, wie er ist. Der Boden ist sehr unterschiedlich, von sumpfig bis steil und mager. Gerade indem wir Sumpfbereiche erhalten, bleiben Lebensräume für viele Pflanzenarten, Frösche, Insekten und viele andere Tiere bestehen. Weil wir nicht alles kultivieren oder einebnen, haben wir einen größeren Arbeitsaufwand. Aber genau das ist auch schön: Man unterwirft die Natur nicht, sondern arbeitet mit ihr.
Du zeigst deinen Alltag als Bergbäuerin unter @elisa.thurnaa auf Instagram. Warum hast du damit begonnen?
Ich habe gemerkt, dass es eine wunderschöne Arbeit ist, für die man sich nicht verstecken muss. Bauernhofkinder können stolz darauf sein, woher sie kommen. Das heißt nicht, dass alle später einen Hof übernehmen müssen. Aber die Werte, die man mitbekommt, kann man vertreten.
Kann Social Media helfen, Wertschätzung für die Landwirtschaft zu schaffen?
Ja, weil man zeigen kann, welche Arbeit dahintersteckt und unter welchen Bedingungen sie passiert. Gerade in der Berglandwirtschaft braucht es Rahmenbedingungen, weil die Arbeit körperlich sehr intensiv ist. Jedes Jahr schließen wieder Stalltüren und wenn kleine Betriebe verschwinden, nimmt auch die Massenproduktion zu. Das muss man ins Bewusstsein holen.
Wie erlebst du die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft und Agrarpolitik?
Ich habe das Gefühl, dass sich die Rolle der Frauen in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat. Sie übernehmen heute mehr Verantwortung, führen Betriebe, bringen neue Ideen ein und engagieren sich gesellschaftlich und politisch. Es gibt aber noch Luft nach oben: Man will Emanzipation zwar überall austragen, aber sie wird nicht immer gelebt. Ich habe das Gefühl, dass Frauen noch zu oft in eine Schublade gesteckt werden und ihnen gewisse Erwartungen und Rollenbilder zugeschrieben werden.
Deshalb ist das Internationale Jahr der Bäuerin wichtig. Anerkennung muss Stellenwert und Gewicht haben. Oft heißt es: Ohne Bäuerin geht nichts. Wenn dann ein Betrieb vorgestellt wird, steht aber meistens der Mann im Vordergrund. Deshalb finde ich es wichtig, dass Bäuerinnen und auch in der Agrarpolitik sichtbar sind und mitgestalten.
Welchen Rat hast du für junge Frauen, die überlegen, in die Landwirtschaft einzusteigen oder einen Betrieb zu übernehmen?
Mein Rat ist, mutig zu sein und auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Wenn man für etwas wirklich brennt, sollte man sich trauen, seinen eigenen Weg zu gehen. Gleichzeitig muss man sich bewusst machen, dass Landwirtschaft nicht nur Leidenschaft, sondern auch Unternehmertum bedeutet. Man darf investieren und neue Ideen ausprobieren – aber mit einem klaren Blick darauf, was zum eigenen Betrieb und zum eigenen Leben passt. Man muss nicht alles so machen, wie es immer schon gemacht wurde. Gerade als junge Generation dürfen wir neue Wege gehen.
Wichtig ist auch, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Bäuerinnenorganisationen leisten sehr gute Arbeit und bieten viele Informationen und Anlaufstellen. Da sind wir schon sehr gut aufgestellt.
© BMLUK/Paul Gruber
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